Meine Hunde

Wie kein Mensch dem anderen gleicht, so ist auch jeder Hund eine einzigartige Persönlichkeit. Meinen Hunden und den Lernprozessen, die sie angestoßen haben, verdanke ich einen großen Teil meiner Expertise. Sie waren und sind meine wichtigsten LehrerInnen.

Astor

Vor 23 Jahren bist du unerwartet in unser Leben geschneit - als schwer misshandelter Kettenhund aus Kärnten, ohne Vertrauen in die Menschen und das Leben generell. So voller Argwohn, so voller verzweifelter Verteidigungsbereitschaft und zugleich so voller Sehnsucht nach Liebe und Zugehörigkeit. Ich erkannte, dass ich - obwohl mit Hunden aufgewachsen - nichts (für unser Zusammenleben Hilfreiches) über Hunde wusste. So suchte ich  Unterstützung bei Profis, aber mit dem damals in der Hundeszene noch offen vertretenen Ansatz von  "Gehorsam", "Unterordnung" und "Zeigen, wer der Herr ist" konnten wir beide nichts anfangen.

Also hab ich stattdessen alles daran gesetzt, dich lesen und verstehen zu lernen und meine Kommunikation mit dir zu verbessern, um dein Vertrauen zu gewinnen. Du hast meine leidenschaftliche Suche nach neuen Wegen in der Arbeit mit Hunden geweckt.

Dich in den 10 Jahren unseres gemeinsamen Weges aufblühen zu sehen, war eines der großen Geschenke in meinem Leben. Nie werde ich den Moment vergessen, als du dich das erste Mal vertrauensvoll an mich gelehnt hast.

Franky

Mit zwei Jahren verlorst du dein erstes Zuhause, weil du nach der Umgestaltung der Möbel damit begonnen hattest, auch neue Wanddurchgänge in der Wohnung deiner Leute zu schaffen.

Als lebenslustiges, zerstörerisches, unbändiges, herzensgutes Riesenbaby hast du vier Jahre nach Astors Ankunft unseren beschaulichen Familienalltag ordentlich aufgemischt :-). Du hast meine Geduld geschult, meine Nerven gestählt, mir u.a. beigebracht, wie man Trennungsangst überwindet, wie man sinn- und freudvoll Impulskontrolle und Leinenführigkeit aufbaut und welche Bedeutung vorausschauendes Management bei einem 50 kg schweren Weggefährten hat - so manche "Flugstunde" hat bei dieser Einsicht entscheidend geholfen.

Über allem hast du mich jedoch gelehrt, den Moment zu genießen, offen und neugierig zu bleiben, mich zu begeistern, ins Spiel zu versinken und hingebungsvoll zu kuscheln. Du hast mich jeden Tag herzlich zum Lachen gebracht - warst ein richtiger Sonnenschein im Leben und Jungbrunnen für Astor. Viel zu früh hast du uns nach kurzer, schwerer Krankheit verlassen.

Felix

Von einer liebevollen Welpenstube kamst du vor 14 Jahren als Herzenswunsch meines Mannes direkt zu uns - ein entzückender, unbeschwerter, selbstsicherer, kleiner Frechdachs, der die Welt und uns im Sturm erobert und Astor noch einmal eine gehörige Portion Lebensfreude geschenkt hat. So viel durfte ich von dir über feine, deeskalierende und vertrauensbildende Kommunikation unter Hunden lernen. Dein verspieltes und zugleich rücksichtsvoll sensibles Wesen war im Laufe der Jahre für viele Hunde, die uns begegneten und im Umgang mit Artgenossen unsicher waren, Beginn der Heilung. Und in punkto Antijagdtraining hast du mir eine großartige Expertise beschert, denn bei der Verteilung dieser Leidenschaft hast du mit Sicherheit mehrmals "ja" gerufen. Mit der Epilepsie hatten wir Dank medizinischer Hilfe zu leben gelernt. Unerwartet kam dann dennoch eines Nachts der große Anfall, die Fahrt in die Tierklinik, die Narkose, aus der du nicht mehr erwacht bist.

Wie du elegant, schnell und leicht wie der Wind über die Hügel geflogen bist - das gehört zu den schönsten, kraftvollsten Bildern im meinem Kopf. So will ich dich in Erinnerung halten.

Charly

Vor 13 Jahren sah ich dich in der Wiese sitzen - ein kleines, braunes, zitterndes Häuflein Elend, vor Angst wie gelähmt, über und über verschmiert mit eigenem Kot und Urin. Du warst einer dieser "günstigen, reinrassigen" Welpen, bestellt im Internet, übernommen aus einem Kofferraum; eigentlich schon ein Junghund und überhaupt so gar nicht das, was man erwartet hatte. Also wollte man dich auch nicht. Ach, mein Schokobär - das Braun blieb auch nach dem ersten Bad :-) - so ein schlechter Start ins Leben und dennoch solch unerschütterliche Menschenliebe und grenzenlose Begeisterung für alles, was das Leben an schönen Dingen bringt. Du hast mich vor allem gelehrt, nicht in Mitleid und der Vergangenheit hängen zu bleiben. Dass man im Leben alles aufholen kann, wenn es auch manchmal mehr Zeit, Geduld und Durchhaltevermögen braucht.

Bis heute bist du der lebenslustige Clown in unserer Familie. Egal ob Futter, Spazieren, Schwimmen, Bürsten, Kaffeehausbesuch, Leckerlisuche, Massage, Kuscheln ... - einfach alles magst du am liebsten. Möge das noch lange so sein, mein lieber Graubart!

Toffi

"Eine ältere Dackelmix-Hündin im Auffanglager in Ungarn sitzt da schon seit Jahren und hatte noch keine einzige Anfrage. Sie ist so zurückhaltend und ängstlich und halt auch nicht hübsch. Die hat keine Chance da wieder raus zu kommen." Die Sozialarbeiterin in mir war bei dieser Aussage einer Tierschutzfreundin schon verloren. Also brachte ich Spenden in den Süden von Ungarn und nutzte die Gelegenheit, um dich kennenzulernen und mich sofort zu verlieben.

In all dem traurig stressigen Trubel warst du wie ein Geist, hast Abstand zu allem und jedem gehalten, dich an Zäunen und Randsteinen entlang gedrückt, jeden Blickkontakt vermieden. "Bitte bemerk mich nicht, ich bin gar nicht da." 

So viel durfte ich von dir über beschwichtigendes Konfliktverhalten lernen, so viel über hundliche Höflichkeit, über feine Beziehungsangebote und sanfte Abgrenzung. Du hast meine eigene Körperwahrnehmung, meine innere Ruhe und meine Beobachtungsgabe geschult.

Heute bist du unser sanftes Kuscheltönnchen mit den sprechenden Augen, das lachend über die Wiesen flitzt, begeistert nach Mäusen buddelt, große Wuschelrüden keck bezirzt und morgens neugierig von seinem Couchsessel aus auf das kleinste Anzeichen für "Action" wartet.

Villám

Mein Herzenshund - als Kettenhund aufgewachsen, vereinsamt, depriviert, als gefährlich in einem Auffanglager entsorgt, von Unmenschen entdeckt, als Hundekampf-Dummy missbraucht, nach einem Polizeieinsatz erneut im Auffanglager gelandet und schließlich als hochaggressiv gegen Mensch und Tier auf die Tötungsliste gesetzt. Ein Verein wollte dich retten, ich dabei helfen. Also hab ich dich dort rausgeholt, sediert hat man dich in meinen Kofferraum gelegt.

Unsere ersten beiden Jahre waren wirklich hart. Mehr als einmal war ich verzweifelt, weil ich nicht mehr weiter wusste. Auf der Suche nach Hilfe geriet ich an einige sehr von sich überzeugte und teure Hundeprofis. Daraus folgte die Einsicht, dass es keine Gurus und keine einfachen, schnellen Rezepte gibt, um die Folgen jahrelanger Traumatisierung zu überwinden. Nur Beziehungsarbeit.

Ich lernte durch dich, noch mehr an mir selbst zu arbeiten, besonders an der Selbstregulierung meiner Gefühle und Stimmungen. Du sporntest mich an, mein Wissen über Resozialisierung von Hunden, Bindung und Traumaarbeit weiter zu vertiefen. Und über allem hast du mich gelehrt, meiner Intuition zu vertrauen - oft genug war es nur ein Bauchgefühl, das eine Eskalation zwischen uns beiden in letzter Sekunde verhindert hat.

Deine Veränderung ist für mich bis heute ein unbeschreibliches Wunder. Nichts, was du in deinen ersten 4 Lebensjahren erlebt hattest, konnte deinen starken, liebevollen Charakter brechen. Langsam und beständig hat sich der Traumhund in dir wieder herausgeschält.

Shiva

Es war ein großes, großes Glück für uns, dass deine frühere Familie dich wegen Überforderung an uns abgab. Du hast Villám zurück ins Leben geholt. Alle anderen Hunde merkten sofort, dass dem versteiften, geifernden Hund nicht zu trauen war. Sie mieden ihn. Doch du - kraftvolle, wunderschöne Löwenhündin - mochtest ihn vom ersten Moment an. Und Villám liebt dich dafür.

Auch mein Mann ist ganz vernarrt in dich. Was er dir als erstes zugestand, war Freiraum. Und je freier du wurdest, desto enger hast du dich an ihn gebunden und dich an ihm orientiert. Das zu beobachten war und ist unheimlich bereichernd.
Deine Freiheitsliebe und deine Lauffreude haben mich viel über Vertrauen und Kommunikation auf Distanz gelehrt. Du führst mir jeden Tag neu vor Augen, wie fein, leise und großzügig AnführerInnen in einer Hundegruppe agieren; dass Gefolgschaft freiwillig ist und nie erzwungen werden, sondern nur über souveräne Präsenz verdient werden kann.

Jojo

Deine Geschichte teilst du mit zu vielen anderen Hütehunden, die als "supereinfache" Familienhunde an hundeunerfahrene Menschen abgegeben werden. Schon mit 8 Wochen (!) warst du nach den Angaben deiner Vorbesitzer so aggressiv, dass man dich nicht mit Artgenossen spielen lassen konnte. Und auch gegen Menschen seist du immer aggressiver geworden. Mit nur 6 Monaten hat man dich als "Gegenmaßnahme" kastrieren lassen, mit 7 Monaten wollte man dich wegen deiner Aggressivität einschläfern lassen. Ein Verein bewahrte dich vor diesem Schicksal und vermittelte dich an zwei weitere Plätze, die du aber jeweils nach wenigen Tagen wieder verlorst. Ich kann diesen bemühten Menschen keinen Vorwurf machen, denn du, mein kleiner Blitzgneiser, warst zu diesem Zeitpunkt ein angstvoller, misstrauischer Welpe im Körper eines fast ausgewachsenen Hundes. Dein Verhalten pendelte in rascher Folge zwischen erschreckender welpischer Unterwürfigkeit und exzessivem Abwehrverhalten. Dazu kamen u.a. ausgeprägte Objektfixierung (Balljunky), ein generell fehlgeleitetes Hüteverhalten bei Bewegungsreizen und panikartige Angst vor Enge (Räume, Auto).

Seit zwei Jahren lebst und arbeitest du mit mir und schulst jeden Tag meine Gelassenheit, meine Geschwindigkeit, mein Timing und meinen Einfallsreichtum.